Yuri Serov, Professor Konservatorium St. Petersburg

Eliane Rodrigues, Dirigent & solistin<br />
Beethoven Pianoconcerto 5
Lidia Kovalenko, Algeminantas Peseckas, Eliane Rodrigues, Mikhail Zemtsov & Gavriel Lipkind in Dvoraks Quintet Op. 81

Wieder und wieder ist zwischen den majestätischen Alpengipfeln großartige Musik zu hören. Wieder und wieder wird die Kunst, die jeden Augenblick Ihrer Existenz voller Wärme und Herzlichkeit verändert, zur Nachbarin der Berglandschaften, die sich – seit Jahrtausenden mit ewigem Eis bedeckt – schön und etwas kühl von jeder Kreation distanzieren.

Eliane Rodrigues
, Spitzenstar von Música Romântica, Herz und Seele des gesamten Festivals, trat dieses Jahr in sechs Konzerten auf. Sie bewies ihre erstaunliche, unvergleichliche Individualität in Klavierkonzerten, in Kammermusikprogrammen und am Dirigentenpult. Erstaunlich sind ihr virtuoser Schwung, ihre komplette innere Freiheit, ihre Energie. Elianes Gabe ist sehr besonders und deshalb ist das Festival in Saas-Fee einzigartig und unnachahmlich.
Eines ihrer Meisterstücke dieses Sommers ist die hervorragende Darbietung von Beethovens 5. Klavierkonzert als Dirigentin und Solistin zugleich, früher schien das im Prinzip unmöglich. Beeindruckend waren Größe und Kraft der Interpretation des Klavierparts in Dvoraks Quintett sowie die Traurigkeit und sehr russische Melancholie in den langsamen Sätzen der Rachmaninoff-Konzerte.

Das Auftreten des Nationalen Sinfonieorchesters von Litauen sollte als erfolgreichstes Debüt bei Música Romântica erwähnt werden. Dieses Ensemble aus Vilnius verschaffte Musikliebhabern einen echten Genuss. Ein hervorragend organisiertes Orchester, ausgezeichnet harmonierend, mit einem weichen, aber fein durchstrukturiertem, sehr transparenten Sound, das sehr unterschiedliche Musikstile absolut natürlich und lebhaft interpretierte und sich dabei selbst treu blieb – nicht nur bei der Geschmeidigkeit französischer Musik und in den endlosen Kantilenen von Rachmaninoff und Tschaikovsky, sondern auch in der klaren Artikulation der Wiener Klassiker. Die litauischen Musiker probten und spielten in Konzerten mit solch sichtbarem Vergnügen, dass es unmöglich war, sich nicht ihrer Einstellung hinzugeben und ihnen zu folgen. Multiplizieren Sie das alles mit dem individuellen musikalischen Können der Orchestersolisten, mit Disziplin und Verantwortungsbewusstsein, dann werden Sie verstehen, warum jedes Konzert der litauischen Gäste mit anhaltendem frenetischem Applaus des Publikums endete. Wir sollten den Produzenten des Festivals unseren besonderen Dank aussprechen, die bereits seit mehreren Jahren Sinfonieorchester höchster europäischer Klasse nach Saas-Fee gebracht haben.

Juozas Domarkas, der das Orchester aus Vilnius gegründet hat und seit mehr als 47 Jahren leitet, ist einer der brillantesten Vertreter der alten sowjetischen Dirigentenschule. Seine soliden Interpretationen russischer Musik waren ganz nach meinem Geschmack. Rachmaninoffs Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 mit Eliane Rodrigues wurde zu einer wahren Hymne an die romantische Schönheit. Die unvorhersehbare und verblüffende Improvisationsweise von Eliane wurde dabei von der üppigen Klanggrundlage des Orchesters unterstützt. Das Spanish Capriccio von Rimski-Korsakov krönte die russische Nacht mit dem virtuosen Glanz des Orchesters, vergleichbar mit funkelnden Champagnerspritzern – ganz im Einklang mit der Konzeption des Komponisten für dieses betörende Stück.

Oben habe ich bereits das bedeutsamste Debüt des Festivals erwähnt, das erste Auftreten des litauischen Orchesters in Saas-Fee. - Aber ich möchte keinesfalls versäumen, an eine andere Sensation zu erinnern, die – was den Beitrag zum Festival betrifft – zwar etwas bescheidener war, aber deshalb nicht weniger wichtig für die Debütantin selbst. Ich spreche von den Auftritten von Nina Smeets-Rodrigues, einer jungen Pianistin aus Antwerpen. Sie besitzt eine exzellente Klaviertechnik und interpretierte Rachmaninoff, Mahler und Dvorák leicht und unbefangen. So bestand sie diese herausfordernde künstlerische Prüfung und brachte Frische und neue Farben in den Kammermusikteil von Música Romântica.

Traditionell widmete sich die Abschlussnacht des Festivals Hollywood. Eliane Rodrigues dirigierte musikalische Leckerbissen aus bekannten Filmen. Dem Publikum in der sehr gut besuchten Pfarrkirche Saas-Fee gefiel dieses raffinierte musikalische Geschenk. Die Zuhörer waren lange nicht willens, die Kirche zu verlassen, und holten die Musiker immer wieder zurück auf die Bühne. Man spürte, dass viele von ihnen ein wenig traurig waren, weil zwei fantastische Wochen des Eintauchens in Musik ein Ende hatten. Nun, wir hoffen auf ein Wiedersehen, Música Romântica? 
Yuri Serov – St. Petersburg Konservatorium Professor – 3. September 2011