Yuri Serov, Professor Konservatorium St. Petersburg

Academic Symphony Orchestra of the St. Petersburg Philharmonia<br />
Walter Proost<br />
Eliane Rodrigues

Musica Romantica - 2010

Die kühle Bergluft von Saastal verlieh der Rückkehr des Orchesters zu Música Romântica nach fünf Jahren Abwesenheit etwas Besonderes. Zu der fast schon heimisch anmutenden Ruhe, an die sich die Musiker erinnerten, der Schönheit der umliegenden Berge und der ungewöhnlich klaren und belebenden Luft kamen noch angenehme Temperaturen hinzu, die es ihnen ermöglichten, mit Freude ihrer geliebten Tätigkeit nachzugehen, nämlich Musik zu machen.

09.08.2010
Die Philharmoniker aus St. Petersburg revanchierten sich jedoch umgehend für die Schweizer Idylle. Gleich am Tag nach ihrer Ankunft führten sie in einer inspirierenden Darbietung Scheherazade auf. Das Orchester unter der Leitung von Alexander Dmitriev klang frisch und lebhaft, und die beeindruckende Leistung der zahlreichen Solisten des Orchesters (an erster Stelle sind Alexander Shustin mit Violinensolos sowie der Klarinettist Adil Fedorov zu nennen) wurde zu Recht mit begeistertem Applaus des Publikums belohnt. Dieses wundervolle orientalische Märchen, diese prachtvollen Bilder von südlichen Gefilden und mächtigen Bewegungen des Wassers, die von dem ehemaligen Marineoffizier Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow phantastisch in Musik umgesetzt wurden, bildeten einen unvermittelten Kontrast zu den schneebedeckten Alpengipfeln und gaben dem Ganzen zusätzlich ein surrealistisches Gepräge, das dieses Ereignis wertvoll machte.

Ich dachte, es ist eine große Freude, dass Música Romântica wieder da ist und das große wunderbare Symphonieorchester wieder in dieser gigantischen, ewig stillen Landschaft zu hören ist.

Im zweiten Teil des Konzerts spielte Eliane Rodrigues das Klavierkonzert 1 b-Moll von Tschaikowski. Wie immer war ihr musikalischer Ausdruck sehr individuell, zutiefst persönlich - in der Tat anders als alles, was wir bisher hören konnten. Zauberhafte Tempi und unglaubliches Temperament in Verbindung mit der genauen und gefühlvollen Begleitung durch Maestro Dmitriev und sein Orchester verschmolzen zu einem wundervollen Abend voller künstlerischer Entdeckungen und Freuden.

11.08.2010
Ich würde Elianes Rodrigues' Darbietung des Klavierkonzerts f-Moll von Chopin zu den bedeutendsten musikalischen Momenten des diesjährigen Festivals zählen. Momente, die man wieder und wieder erleben möchte. Eliane Rodrigues leitete an diesem Abend das Orchester selbst, doch sogar der strengste Kritiker hätte an dieser Verknüpfung der künstlerischen Funktionen nichts auszusetzen gefunden.

Die Konzerte von Chopin sind nicht auf einen Wettbewerb zwischen Orchester und Klaviersolo angelegt, die typisch für Instrumentalkonzerte sind, noch verlangen sie ein Übermaß an orchestraler Textur. Das Klavier dominiert hier eindeutig und wird nur ein wenig durch ein relativ kleines Orchester unterstützt (wie bei Balletttänzern).

Die Pianistin hatte Zeit, um den Musikern alle notwendigen Introduktionen aus dem Kopf zu zeigen (wer kennt nicht den bekannten Grundsatz von Dirigenten aus der Vergangenheit: "Der Dirigent muss die Partitur im Kopf haben und nicht den Kopf in der Partitur"?), während sie gleichzeitig die Partner mit einer in jeder Hinsicht aufrichtigen, gefühlvollen und dennoch sprühenden Darbietung beflügelt. Es ist "ihre" Musik, wo sie jeden, der nicht gänzlich unempfänglich für Kunst ist, zu Tränen rühren kann. "Ihr" Chopin ist jedoch niemals zuckersüß, weichlich, schwach oder weinerlich. In ihrer Interpretation ist er scheinbar so, wie wir ihn uns vorstellen oder wie wir ihn hören wollen.

Ein Höhepunkt und besonderer Moment dieses Mittwochabends war, dass der zweite Teil Chopins Konzert in E-moll zum Thema hatte. Die Pianistin (und gleichzeitig Dirigentin) bewältigte die unglaublich komplizierte kreative und technische Aufgabe ohne sichtbare Mühe oder Anstrengung.

13.08.2010
Am deutschen Abend traten zahlreiche Solisten auf. Eliane Rodrigues wurde begleitet von Liviu Prunaru (Violine) und Godfried Hoogeveen (Cello), führende Konzertmeister des Amsterdamer Concertgebouw, eines der besten Orchester der Welt, um zusammen das atemberaubende Konzert von Beethoven für Klavier, Violine und Violoncello mit Orchester vorzutragen.

Liviu Prunaru stellte durch seinen Auftritt erneut unter Beweis, dass er zu Recht zu den besten jungen Violinisten in Europa zählt. Das Spiel des Musikers ist erstaunlich klar, schön, technisch perfekt, abwechslungsreich und nuanciert, nicht das kleinste Detail von Beethovens Partitur entgeht ihm.

Godfried Hoogeveen, der die berühmte "Arpeggione-Sonata" von Schubert in dem Kammermusikkonzert einige Tage zuvor brillant zur Darbietung gebracht hatte, gab auch in diesem Konzert sein Bestes und meisterte den Meilenstein der Literatur für das Instrument (was das Tripelkonzert von Beethoven für Cellisten ohne Zweifel ist) vortrefflich. Seine künstlerische Persönlichkeit zieht durch sein großes musikalisches Können, den weichen und warmen Klang des Instruments und wahre künstlerische Reife von höchster Qualität in seinen Bann.

Eliane Rodrigues ergänzte das internationale Trio mit einem wunderschönen Spiel und umrahmte die Streichinstrumente mit dem Glanz des Klaviers und kreativer Freude. Diese Freude war in der gesamten Darbietung des Meisterwerks von Beethoven zu spüren. Im zweiten Teil präsentierte das von Alexander Dmitriev geleitete Orchester den Zuhörern ein facettenreiches Schmuckstück, die Zweite Symphonie von Johannes Brahms. Der Zauber der Kreativität begleitete uns von der ersten bis zur letzten Minute durch das gesamte Konzert.

8 und 15.08.2010
Die Kammerkonzerte von Música Romântica werden wegen zwei außerordentlichen Leistungen in Erinnerung bleiben. Zum einen trat Eliane Rodrigues mit Liviu Prunaru und Godfried Hoogeveen auf, um das Klaviertrio in B-Dur von Schubert gefühlvoll und mit gefühltem Glanz zum Vortrag zu bringen. In diesem Stück gelang es den Musikern, Wiener Leichtigkeit und Grazie voll und ganz zum Ausdruck zu bringen. Und am zweiten Sonntag des Festivals präsentierte die Pianistin eine begeisternde Interpretation von Schumanns Klavierquintett, dieses Mal zusammen mit dem Stravinsky Quartet.

16.08.2010
Der amerikanische Abend ließ von Anfang an auf ein zahlreiches Publikum und einen überzeugenden Erfolg schließen. Es dürften wohl nur schwer Werke zu finden sein, die das Publikum auf exaktere und direktere Weise ansprechen als die besten Meisterwerke von Gershwin und Bernstein.

Das Orchester folgte dem Dirigenten dieses Abends, Walter Proost, mit offensichtlichem Vergnügen und umschiffte sämtliche Schwierigkeiten der amerikanischen Klassiker auf rhythmischer und Ensemble-Ebene bravourös. Walter Proost, der als Fachmann in diesem Repertoire bekannt ist und nach seinem Abschluss bei Leonard Bernstein studierte, "badete" geradezu in seiner Musik und versetzte das ganze Haus in Euphorie. Die klaren und präzisen Gesten des Dirigenten trugen zu der an diesem Abend vorherrschenden festlichen Atmosphäre bei.

Eliane Rodrigues spielte Gershwins Rhapsody in Blue in brillanter Manier. Und auch hier spielte sie diesen weltweiten "Hit" als ihr eigenes Stück, sie improvisierte, doch ohne Wiederholung und griff die gleichen Themen immer wieder auf neue Art auf. Musik schien für uns Zuhörer in genau diesem Moment geboren zu werden. Ich wage zu behaupten, dass diese Interpretation dem großen amerikanischen Improvisator ausgezeichnet "bekommt".

18.08.2010
Die Violinistin Dora Schwarzberg war die unumstrittene Heldin des französischen Abends. Ihre Intonationen und Motive sind voller Gefühl und besonderer Spannung, so dass man mit einer besonderen Spannung zuhört und ihre Gefühle teilt. Dora Schwarzberg ist eine brillante Vertreterin der legendären Violinschule aus Odessa. Und wir sollten ihr dankbar sein, dass sie die großen Traditionen der Vergangenheit am Leben erhält. Der Gedanke, zwei überaus feine, nahezu "schwerelose" Violinsonaten von Debussy und Ravel in einer Version für Violine und Symphonieorchester vorzutragen, könnte auf den ersten Blick fragwürdig erscheinen, es erwies sich am Ende jedoch als durchaus praktikabel.

Es gab frische Farben und einige neue Emotionen, während die zarten und stilistisch der orchestralen Schreibweise des großen Franzosen des frühen 20. Jahrhunderts nahen Orchestrierungen von Jorge Bosso in Einklang mit dem Programm des zweiten Teils standen, in dem Alexander Dmitriev und sein Orchester ihren beliebten Ravel zur Aufführung brachten. Die Freiheit, Meisterschaft und Freude von Orchester und Dirigent sowie ein kluges und feines, fast bildhaftes "ornamentales Skript" der von den Musikern aus St. Petersburg lebhaft in Szene gesetzten Meisterstücke von Ravel waren ein reines ästhetisches Vergnügen für das Publikum. Ein schätzenswertes und in der heutigen Welt so seltenes Gefühl.

20.08.2010
Die Festivalgäste erwarteten sichtbar ungeduldig das Kinomusikprogramm. Das Konzert war ein voller Erfolg und ein aufregender Schlussakkord des gesamten Festivals. Die Erwartungen des überfüllten Hauses wurden nicht enttäuscht.

Eliane Rodrigues, die die St. Petersburger Philharmoniker an diesem Abend dirigierte, hatte mit der sorgfältigen Auswahl der beeindruckendsten Soundtracks des internationalen Kinos für das Programm hervorragende Vorarbeit geleistet. So gelang es ihr, ein stimmiges, mitreißendes und eindrucksvolles Bild zu schaffen, das in keinster Weise einem "Flickwerk" ähnelte. Es gab genügend Raum für energische musikalische Episoden aus "Star Wars", "Gladiator" und "Pirates of the Caribbean" sowie die wunderbare Lyrik von "Schindler's List", "Once in America" oder "The Godfather".

Eliane Rodrigues wechselte orchestrale Passagen mit Solostücken am Klavier ab und trug damit zur Stimmung des Bedauerns angesichts des unvermeidlichen Abschieds von den unvergesslichen Festivaltagen bei. Das Publikum reagierte enthusiastisch auf jedes Stück des Konzerts und der Applaus schien nicht enden zu wollen.

Der ungeheuere Erfolg der Schlussveranstaltung sowie aller vorangegangener Konzerte, die positiven Emotionen der Musiker und des gesamten Publikums, glückliche Gesichter und der Wunsch, das Festival nächsten August wieder zu besuchen - gibt es ein beeindruckenderes Ergebnis dieses zweiwöchigen musikalischen Marathons als dieses? Bravo, Música Romântica, auf ein Wiedersehen!

Yuri Serov
Professor Konservatorium St. Petersburg