Yuri Serov

Lithauische Nationale Symphonieorchester & Modestas Pitrénas
Eliane Rodrigues dirigiert das Litauische Nationale Symphonieorchester

Música Romântica 2018
Música Romântica 20 Years Old
Long Live Music!

Kaum zu glauben: Das Festival ist bereits 20 Jahre alt. Im Laufe der Jahre hat sich Vieles verändert, aber wie eh und je finden in Saas-Fee im August fantastische Musikabende auf höchstem Niveau statt, die das Alpendorf mit Wohlklängen erfüllen, die erstaunlich gut mit dem ewigen Schnee der Berggipfel harmonieren. 

Schwer zu sagen, was das Allerbeste war, denn es gab zu viele glänzende Darbietungen in diesen zehn Tagen voller Livemusik. Ich versuche, Ihnen von Eindrücken zu berichten, die lange nachwirken, die das Festival einzig in seiner Art machen und die Sie anspornen, ungeduldig und in freudiger Erwartung auf das nächste Jahr zu warten.
Sprechen wir zuerst vom großen Glücksgriff dieses Festivals, dem Litauischen Nationalen Symphonieorchester mit seinem jungen Chefdirigenten Modestas Pitrénas. Zusammen mit Pianistin und Dirigentin Eliane Rodrigues, die Inspiratorin, Hüterin und Hauptattraktion von Música Romântica ist, wurden die Gäste aus Vilnius zum Mittelpunkt kreativer Aufmerksamkeit: charmant und diszipliniert, musikalisch großzügig und leidenschaftlich, geschickt und frei von Hemmungen.

Beethovens 7. Sinfonie, die uns am ersten Abend (08.08.) kredenzt wurde, gehört zu den Schlüsselerlebnissen des Festivals. Unter Leitung von Eliane Rodrigues führte das Orchester aus Vilnius die Zuhörer sicher durch das heroische Idyll des ersten Satzes, durch das geniale Allegretto und den Strom stürmischer Energie im Scherzo bis zu den abschließenden unbezwingbaren Rhythmen zur Glorifizierung einer wahrhaft weltumspannenden Freude und Macht. Im ersten Teil des Konzerts spielte die Streichergruppe des Orchesters Mozarts frühes Divertimento in D-Dur (wobei ich nicht sicher bin, ob man bei Mozart von „früh" sprechen kann) mit faszinierender Leichtigkeit. Danach trug Eliane Rodrigues Mozarts A-Dur-Konzert KV 414 auf klare, transparente Weise vor - ein Werk, das ihr sehr am Herzen liegt und eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielte. Aus der über die Jahre verfeinerten, doch noch stets unglaublich frischen Intonation der Solistin konnten wir Elianes persönliche Emotionen heraushören.

Erich Wolfgang Korngolds Cellokonzert wurde von Justus Grimm hervorragend dargeboten (10.08.). Grimm ist ein erstaunlicher Musiker mit tiefem Einfühlungsvermögen in jede Intonation und jede melodische Wendung. Scheinbar gibt es für ihn keine ausdruckslosen oder zweitklassigen Klänge. Er hat jedes Detail der Partitur durchlebt und sorgfältig ausgearbeitet - und seinem Publikum liebevoll präsentiert. Der warme, volle Klang seines Cellos füllte die Pfarrkirche von Saas-Fee, sodass es verständlich wurde, warum Korngolds sinfonische Musik immer häufiger in Konzertprogrammen prominenter Musiker zu hören ist. Die Blütejahre dieses unverdienterweise vergessenen Komponisten fallen mit seiner Zwangsemigration und (brillanten!) Arbeit in Hollywood zusammen.

Im selben Konzert machte das Orchester großen Eindruck mit seiner Aufführung der gewaltigen und düsteren Tondichtung Die Toteninsel von Sergei Rachmaninow. In den unglaublich schönen Klängen des russischen Genies, die von den litauischen Musikern bewundernswert gespielt wurden, kehrte das Bild des bemerkenswerten Arnold Böcklin, eines Schweizer Malers des Symbolismus, in dessen Geburtsland zurück.

Höhepunkt des Konzerts war das strahlende und poetische Grieg-Konzert, von Eliane Rodrigues bravourös und andächtig gespielt, mit virtuosem Aufwärtsstreben, frei, aber auch taktvoll im Umgang mit dieser Musik, die alle mögen. Modestas Pitrénas und sein Orchester folgten ihr mit offensichtlichem Vergnügen, webten mit präzisem Ton der Bläser und warmem Zauber der Streicher am Klangteppich von Griegs Meisterwerk. So entstand ein echtes Miteinander, eine vollständige Fusion, eine Synthese, die den Zuhörer in die Quintessenz dessen eintauchen ließ, was auf der Bühne geschah.

Schuberts Trio in Es-Dur Op. 100 interpretiert von Eliane Rodrigues, Justus Grimm und Geigerin Tatiana Samouil (12.08) war einer der stärksten Eindrücke des gesamten Festivals. Für mich klang es wie eine fertige Aufnahme für eine CD. Diese (sogar für Schubert) enorm umfangreiche Komposition machte die Zuhörer atemlos. In ihrem künstlerischen Ansatz, in ihrer Vision von Klang, Intonation oder ihrem musikalischen Taktgefühl sind die virtuosen Solisten sehr unterschiedlich, verschmolzen hier jedoch zu einer superben Einheit und entzückten das Publikum damit, wie sie die überwältigenden Schubert-Themen einander weiterreichten und sie jedes Mal um neue Farben und Emotionen bereicherten. Das war eben dann der Fall, wenn die innere kreative Freiheit des Einzelnen das Ensemble nicht spaltete, sondern vereinte. Robert Schumann sprach einmal von der „himmlischen Länge" von Schuberts Musik. An diesen Ausspruch musste ich beim Hören des Trios denken und wünschte mir, die Musik würde niemals enden.


Sehr interessanterweise wurde im selben Konzert eine Version von Gershwins Klavierkonzerts in F-Dur gespielt. Das Arrangement für zwei Klaviere und diverse Schlaginstrumente eignet sich als Kammerkonzert, weil so viele Details herausgearbeitet werden können, besitzt aber zugleich alle Vorzüge einer vollständigen Sinfoniepartitur, wobei der wesentlichste Vorteil wohl der unvergleichliche Gershwin-Drive ist. Die Solisten waren Eliane Rodrigues und Nina Smeets - Mutter und Tochter, Lehrerin und Schülerin, die sich so ähnlich sind und sich in der Musik so gut ergänzen.

Petruschka von Igor Stravinsky (13.08.) ist eine Komposition, die wahrscheinlich über den uns vertrauten Programmrahmen von Música Romântica hinausgeht. Dieses russische Ballett erfordert enorme Anstrengung, musikalisches Können und - wage ich zu behaupten - auch künstlerischen Mut des Orchesters. Umso großartiger finde ich, dass es dieses Jahr gespielt wurde. Zu spüren war, dass das Publikum die musikalischen Abenteuer von Petruschka angemessen zu würdigen wusste. Petruschka ist eine traditionelle Figur des volkstümlichen russischen Puppentheaters und besteht aus Stroh und Sägemehl. Trotzdem erwacht er zum Leben und entwickelt menschliche Gefühle. Ironie der Geschichte, die uns bereits bekannt vorkommt: Das Werk voller Anklänge russischer Volksmusik wurde in der schweizerischen Stadt Morges zu Papier gebracht, die in einem Auto unserer Tage in drei Stunden von Saas-Fee aus zu erreichen ist. Nach eigener Aussage des Komponisten spazierte er endlos an den Ufern des Genfer Sees entlang und versuchte, die Geräusche eines winterlichen Jahrmarkts auf dem Platz der Admiralität in Sankt Petersburg nachzuempfinden, wie er während der Butterwoche vor Beginn der orthodoxen Fastenzeit stattfindet. Strawinsky konzipierte Petruschka als virtuose Komposition für Orchester mit Klaviersolo. Eliane Rodrigues bewältigte ihren sehr schwierigen Part exzellent und bahnte den litauischen Musikern mächtig und rhythmisch den Weg. Maestro Pitrenas verdient Worte unserer äußersten Begeisterung. Seine ausgezeichnete Technik, seine klare und zugleich anspruchsvolle Gestik und seine perfekte Beherrschung der Partitur wurden zur Grundlage der beeindruckenden Darbietung von Petruschka.

Die russische Nacht des Festivals (15.08.) war ebenfalls ein ziemlicher Erfolg. Wie könnte es auch anders sein, wenn die bezaubernden Töne von Tschaikowskys Schwanensee und seinem Capriccio Italien erklingen, Stücke, die geradezu zum Erfolg verdammt sind? Außerdem sind viele der Musiker aus Vilnius durch die russische Schule der Instrumentalausbildung gegangen und spielen Musik russischer Komponisten häufig und eindrucksvoll. Doch ich habe wahrscheinlich Recht, wenn ich behaupte, dass die Darbietung von Sergei Rachmaninows 2. Konzert für Klavier und Orchester von Eliane Rodrigues zum absoluten Höhepunkt von Música Romântica 2018 avancierte. Es war mir ein ungeheures Vergnügen, Eliane bei diesem Konzert zu begleiten. Ihre unerwarteten Tempi, energischen Passagen und beinahe lethargischen Verzögerungen machten die Aufführung dieses extrem populären und häufig gespielten Klavierwerks einzigartig und völlig anders als andere Interpretationen.
Am wichtigsten ist, dass während des ganzen Konzerts diese grenzenlose Rachmaninow-Lyrik herrschte, enthüllt von Eliane mit ihrer charakteristischen Ernsthaftigkeit, Virtuosität und ihrem vollen Klavierklang.

Es ist eine wunderbare Tradition geworden, das Festival mit Filmmusik zu beschließen. Eliane Rodrigues präsentiert dieses Konzert immer selbst als Gastgeberin: Sorgfältig wählt sie Stücke für das Programm aus, dirigiert, spielt Klaviersoli, erzählt und veranstaltet eine Abschiedsshow im besten Sinne des Wortes, nach der Sie Lust haben, im nächsten Jahr unbedingt wieder nach Saas-Fee zu kommen. Auch im Jahr 2018 haben uns Filmhits von Alan Menken, Henry Mancini, Charlie Chaplin und John Williams viel Freude gemacht. Überfüllte Halle, glückliche Gesichter beim Publikum, lächelnde Musiker und der sternenklare Alpenhimmel nach dem Konzert - ein schöneres Fest hätten wir uns nicht wünschen können.
Bravo Eliane! Bravo Música Romântica!

Yuri Serov- Künstlerischer Leiter und Chedirigent des Philharmonischen Orchesters Volgograd