Yuri Serov

Man braucht nur etwa vierzig Minuten, um von Visp mit dem Auto oder Bus zum Dorf Saas-Fee hoch oben im Herzen der Schweizer Alpen hinaufzuklettern. Weiter draußen gibt es keine Straßen, und um sich herum hat man nur verschneite Gipfel, sonnengebräunte Menschen mit Stöcken und Rucksäcken, Skiern und Snowboards in den Händen. Das Dorf ist unglaublich gemütlich, und die 13 Viertausender-Gipfel darum herum scheinen Wächter seiner Ruhe und Stille zu sein. Die Hotels sind sehr komfortabel, die Schweizer Käse sind unübertrefflich wie immer, und die Menschen sind fröhlich und gastlich. Wie himmlisch klassische Musik hier doch klingt, und wie fantastisch es doch ist, dass das traditionelle Musica Romantica Festival - nun schon zum elften Mal - hier im August 2013 veranstaltet wurde.

Ich habe schon mehrfach über Musica Romantica (MR) geschrieben, und meine wichtigsten Eindrücke sind seit vielen Jahren dieselben: Es kann wohl keine bezauberndere Verbindung aus einer natürlichen Landschaft und Musik geben als das Festival in Saas-Fee. Es ist eine Verbindung aus verschneiten Gipfeln, die für die Ewigkeit gefroren sind, und Klängen von Musik, die immer neu und unerwartet sind, sich ständig verändern und nur hier und jetzt leben.

Die Zuhörer nahmen alle Konzerte von MR 2013 mit großer Herzlichkeit und ungekünsteltem Enthusiasmus auf. Es sah so aus, als hatten sie das Festival (das im letzten Jahr nicht stattfand) sehr vermisst und wollten sich für die entgangene Gelegenheit entschädigen. Die fast liebevolle Aufnahme übertrug sich augenblicklich auf die Musiker auf der Bühne, und bei den Veranstaltungen herrschte eine gesteigerte Atmosphäre des gemeinsamen Musizierens und Verbrüderns.

Die charmante Eliane Rodrigues, die Muse und zentrale Figur von MR, erschien wie zuvor in zwei kreativen Bildern, dem einer virtuosen Pianistin und einer bemerkenswerten, emotionalen Dirigentin. In der ersten Woche trat sie brillant mit der Darbietung von Rachmaninoffs Klavierkonzert Nr. 3 auf - dem wahrscheinlich anspruchsvollsten Concerto der Klavierliteratur - und dem wie immer taufrischen Klavierkonzert Nr. 2 von Saint-Saëns. In der zweiten Woche dirigierte sie zwei Programme (einschließlich des abschließenden Galakonzerts, das eindeutig zum Höhepunkt des gesamten Festivals wurde) und führte eines der erstaunlichsten Werke Mozarts auf, sein frühes Klavierkonzert „Jeunehomme“ (KV 271). Das war ein fabelhafter Abend, der dem Publikum die Gelegenheit bot, kopfüber in die lyrischen Tiefen dieses sogar für das junge österreichische Genie überraschenden Meisterwerks einzutauchen. Zählt man zu dem oben Geschilderten noch Elianes hundertprozentigen Einsatz in zwei Kammermusikkonzerten, kann man sich zwei Wochen unglaublich angefüllter, ununterbrochener musikalischer Leistung vorstellen, die sie so leicht und ungezwungen absolvierte, als sei es ein kleiner Spaziergang in den Bergen.

In unserem Zeitalter völligen und allgegenwärtigen Kopierens und als Reaktion auf die verlorene Individualität vieler Künstler spielt die virtuose, geniale und unvorhersehbare Eliane Rodrigues wie die großen Musiker der Vergangenheit - frei und improvisierend, ohne auf Tradition und Kanon zurückzuschauen. Sie spielt, wie ein Vogel singt. Und ganz sicher ist es ihre Freiheit, die dem gesamten Festival eine feierliche und unbeschwerte Stimmung verleiht. (Auch wenn ein hervorragendes Abendessen in einem Restaurant vor dem Konzert und ein Spaziergang durch die frische Alpenluft durchaus viel zu der einzigartigen Atmosphäre von MR beitragen.)

Der Debütant des Festivals, der Violinist Leonard Schreiber, hinterließ einen starken Eindruck. Dieser Musiker ist noch recht jung und erstaunlich frei von Hemmungen, wendig und natürlich in jeder Phrase und jeder Bewegung. Sein Temperament, seine perfekten Techniken und sein intensiver, melodischer Violinklang „standen“ der romantisch erregten Musik Griegs und Massenets sehr gut. Ich bin mir ganz sicher, dass Leonard ein interessantes und bemerkenswertes Leben in der Kunst vor sich hat.

Der Cellist Gavriel Lipkind kam zum zweiten Mal zu MR und dieses Mal mit dem Status eines guten alten Freundes. Er wurde gleich bei seinem ersten Auftritt auf der Bühne sehr enthusiastisch begrüßt, und es heißt, er habe die allerhöchsten Erwartungen des Publikums erfüllt. Er ist ein reifer Musiker mit seiner unnachahmlichen künstlerischen Art der Kommunikation und hat alles, was man für anhaltende Aufführungserfolge braucht. Lalos Concerto war in Gavriels Interpretation voll der nötigen romantischen Inspiration, und er spielte die faszinierenden Variationen über ein Rokoko-Thema von Tschaikowsky sparsam, schön und ausgezeichnet bis zum Äußersten.

Nina Smeets-Rodrigues trat beim vorigen Festival zum ersten Mal auf, präsentierte dieses Jahr aber bereits mehrere komplexe Programme und hatte sowohl ihr Repertoire als auch ihren pianistischen Schwerpunkt merklich erweitert. Ich war ganz bezaubert von Rachmaninoffs Suite für zwei Klaviere, wie Nina und Eliane sie darboten. Dieses jugendliche Opus des großen russischen Komponisten ist ein aufrichtiges, reines und anrührendes Stück voll himmlischer Schönheit und Zartheit. (In den Tagen, in denen er die Suite schrieb, war der Komponist sehr verliebt.) Im Duett von Mutter und Tochter waren es diese Vorzüge des Opus, die am deutlichsten hervortraten, und die Musik murmelte und modulierte in all ihren warmen Farben und Schattierungen. Wirklich beeindruckend waren die gemeinsame Präzision und Synchronität der Darbietung - eine seltene, wenn auch notwendige Eigenschaft bei einem Klavierduett.

Zum zweiten Mal wurde das Staatliche Symphonieorchester Litauens zu einem der Hauptakteure von MR. Ich hatte bereits Gelegenheit, meine Ansichten zu diesem exzellenten Ensemble zu äußern. Das Orchester besitzt eine fantastische Holzbläsergruppe, sanfte Blechbläser mit sehr hoher Qualität und Streicher, die gut aufgestellt und klanglich üppig sind. Das Orchester klingt kraftvoll und emphatisch, erzwingt den Klang aber nie. In dieser Hinsicht ist es der westlichen Schule orchestraler Aufführung natürlich viel näher als der sowjetischen. Die litauischen Musiker sind den komplexesten und virtuosesten Symphoniestücken gewachsen. Zu den glänzendsten „litauischen“ Eindrücken von MR 2013 zählen die monumentale Orgelsymphonie von Saint-Saëns, die der belgische Maestro Walter Proost auf geniale, freie, sichere und wendige Weise dirigierte, Moldau, ein symphonisches Gedicht Smetanas, sowie Fragmente aus Prokofjews Ballett Romeo und Julia, diesmal unter dem Dirigat von Musikdirektor Juozas Domarkas (der im nächsten Jahr sein 50-jähriges Jubiläum als Leiter des Ensembles feiern wird) und ohne Zweifel Sibelius’ Der Schwan von Tuonela - ein Stück, bei dem die Zuhörer vom Solo des Englischhorns schwärmten, das in seiner Schönheit wirklich atemberaubend war. (Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieses Stück je vollkommener dargeboten werden könnte.)

Ich hoffe sehr, dass uns das Festival weiterhin mit frischen künstlerischen Eindrücken, die in der heutigen Welt so nötig sind, bemerkenswerten Entdeckungen und neuen Begegnungen mit wundervoller Musik erfreuen wird. Ich kann mir vorstellen, wie schwierig es ist, ein Festival in einer solchen Größenordnung vorzubereiten und zu leiten, wie viele Herausforderungen zu meistern sind, und wie viel Einsatz man hineinstecken muss. Viel Glück MR, und weitere Erfolge für dich in der Zukunft!

Yuri Serov
Prof St. Petersburg Conservatory