Wolfgang Mende

Eliane Rodrigues

Semper furore

Anmerkungen zur ersten Konzertwoche von Música Romântica 2010

Saas-Fee hat wieder sein Festival "Música Romântica" - die Jahre des Kampfes um den Fortgang sind vom Initiator und Organisator Ernest Smeets durchgestanden, und man fragt sich nach dem begeisternden neuen Auftakt, wie es in der Berggemeinde von europäischem Ruf zu solcher Art "Irritationen" kommen konnte. Immerhin kam mit dem artistischen Direktor einem jahrzehntelangen Gast die Idee, und seiner Energie und Zähigkeit, seinen Fähigkeiten; nebst Frau und Muse ist es zu danken, dass das Tourismusbüro die "Perle der Alpen" noch anziehender machen kann.

Die Brasilianerin Eliane Rodrigues steht auch 2010 mit ihrer bekannten Spontaneität und strotzenden Vitalität im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens. Virtuosin von überschäumendem Temperament mit einem Riesenrepertoire, impulsiv, feurig, ja zuweilen ekstatisch, ist der Antwerpener Professorin, die auch als Komponistin hervortrat, die Musik Leidenschaft wie den Männern ihrer Heimat der Fussball. Als Dirigentin vom Klavier aus ringt sie wie ein Komponist um die Partiturtreue. Technische Probleme sind ihr fremd.

Das Programm der zwei Wochen, umfassend Orchester-, Konzert- und Kammermusik, ist bei aller Vielfalt auf ihr enormes pianistisches Können zugeschnitten. Sie ist Mittelpunkt des Festivals, umgeben von hervorragenden Solisten. Farbige Proben- und elegante Abendroben unterstreichen ihr ebenso inspiratives wie dominantes Wesen, das zugleich größtmögliche Harmonie und Herzlichkeit umschließt.

Der langjährige, ehrwürdige Chef des Akademischen Orchester der St. Petersburger Philharmoniker, Prof. Alexander Dmitriew, und der 1. Konzertmeister und Primarius des Strawinsky-Quartetts (dieses hatte am Wochenende seinen eigenen Auftritt) lassen sich willig von ihr führen. Man kennt sich von gemeinsamen Konzerten und CD-Aufnahmen in der ehemaligen Zaren-Hauptstadt.

Das Außerordentliche und besonders Verdienstvolle des Saas-Fee-Klassikfestivals ist für mich die Öffnung der Kirchentüren für jegliche Proben von Orchester, Ensembles und Solisten. Touristen, "Fans" aus Belgien, Holland und Deutschland sowie einige Einheimische nützten das in zunehmendem Masse. Waren es am ersten Tage noch durchschnittlich 30 zeitweilige Hörer, harrten am fünften Tage 80-100 Interessierte längere Zeit aus. Dass man in einer Kirche nicht mit Schirmmütze sitzt, dürfen atheistische Eltern ihren Jungs beibringen. Wichtig aber vor allem, dass Kinder und Jugendliche, die heute weitgehend Rhythmus, Dynamik und Show ausgesetzt sind, zwischen den Erwachsenen saßen. So kann Musikpropaganda funktionieren!

Die Preise für die spätabendlichen Konzerte ermöglichten übrigens nicht nur reich und schön den Eintritt. Vielleicht mag ja gerade beim Nachwuchs der Impetus, der jugendlich-dynamische Zugriff auf Klassik und Romantik positive Wirkungen nicht verfehlt haben.

Wie Eliane Rodrigues alles Spiel von höchster Leichtigkeit ist, Mühelosigkeit ihre Läufe, Triller und Figuren kennzeichnet, war bei einem unangekündigten Üben am Flügel ohne Ablenkung zu erleben und wurde laut bedankt. In den Jahren der Kindererziehung hat sie offensichtlich an der Klangschönheit gearbeitet. Wie gern hätte man zu Ehren des Jubilars (Chopin wurde 1810 geboren) einen Soloabend mit Etüden und Polonaisen gehört, der dem zartfühlenden Melodien- und Harmonienerfinder als "Kleinmeister" gerecht geworden wäre! Chopins Klavierkonzerte, sechs relativ ähnliche Sätze - dazu das "Krakowiak" - Rondo - gerieten allzusehr im Beethovengestus, wobei das Orchester der Instrumentierung kaum Glanz abgewinnen konnte. Und mitunter schien es, ein Blüthner, Bechstein oder Bösendorfer wäre Chopins kränklicher Natur besser angemessen gewesen, als der überdimensionierte Fazioli-Flügel. Bei aller Vaterlandsliebe des großen Polen: Manchmal war es einfach zuviel des Fortissimos für Dresdner Ohren, was als Gesamtklang die nahen Hörerreihen erreichte!

Unbestreitbare Höhepunkte hinsichtlich der Konzerte (die Kammermusik wurde bereits hervorragend gewürdigt) wurden das b-Moll-Klavierkonzert Tschaikowskis (Bravo-Chöre!) und das Tripel-Konzert Beethovens, bei dem der großartige 1. Konzertmeister und der im Ton noble 1. Solo-Cellist des Concertgebouw-Orchesters mit der Pianistin und dem Orchester musizierten. Das waren Ereignisse, die als besondere Urlaubserlebnisse im Gedächtnis bleiben, an Erlebnisse in bedeutenden Häusern erinnerten.

Die Pfarrkirche in Saas-Fee ist anscheinend ein idealer Ort zum Musizieren, wenn man an Zeltsäle und Scheunen andernorts denkt; allein die Akustik des unregelmäßigen, ungewöhnlich breiten Raumes ist nicht ohne Tücken. Über diverse Korrekturen ist mit der freundlichen Kirchenleitung, die ein weltliches Festival fördert, nachzudenken. Musik, für deren Entwicklung die Kirche viel geleistet hat, gilt heute als internationales Verständigungsmittel zwischen allen Menschen.

Moderationen und Programmhefte tragen zum tieferen Verständnis des Hörens bei. Innerhalb von Texten immer wieder die Sprache zu wechseln, erschwert den Zugang zu mehr Wissen um Musik. Komponieren und Interpreten. Im Oberwallis sollte man in Programmheften vornehmlich das Deutsch erhalten und vielleicht in einem zweiten Teil eine französische oder englische Gesamtübersetzung anbieten, wie sich das bei CDs bewährt hat. Die Einführungen zum Konzertabend könnten mit einem kopierten Blatt übergeben werden und das Festivalangebot, weniger umfangreich gedruckt, in größerer Auflage vertrieben werden.

Den Neubeginn festigen, hieße vor allem, den Bürgerpräsidenten nachdrücklich einladen, am Tourismus-Werbetisch in der Hauptstrasse auch "Musica Romantica"-Angebote auszulegen und in Stalden, Zermatt, Visp und Brig großflächige Werbetafeln aufzustellen. Damit alle Einwohner mitziehen, sollte statt Bildern mehr Hotelwerbung im Programmheft angestrebt werden. In Ernen oder Gstaad, wo der Genius loci nicht mehr weilt, scheint die Bevölkerung uneingeschränkt hinter der Organisationsleitung zu stehen.

Aufs Publikum warten in der zweiten Woche noch Konzerte für alt und jung, die ganz besonderes Interesse beanspruchen, zum Beispiel die Gershwin-Reisser "Rhapsody in blue" und "Ein Amerikaner in Paris", Bizets "Carmen-Suite" und ein Abend, der bekannten Filmmelodien gewidmet ist. Wenn das nicht anlocken soll!

Abschließend einige Anregungen für das Klassikfestival mit seiner lobenswerten, weil völkerverbindenden Grundidee der Planung: Es naht das Liszt-Jahr. 2013 können Wagner und Verdi vielleicht in Kooperation mit dem Marientheater (Oper) St.Petersburg geehrt werden, und wenn das bedeutende russische Orchester weiterhin mit seiner vorbildlichen Präsens einen fürs Wallis außergewöhnlichen Rahmen gibt, sollte man ihm zu Ehren in memoriam 1941 und 1812 einen Jahrgang von Glinka über Tschaikowski bis Prokofjew planen: um zu zeigen, welch reiches Kulturvolk die Russen sind. Glièrs Hymne auf St.Petersburg, das Venedig des Nordens, könnte den Titel geben.

Spielt weiter!

Wolfgang Mende