Schilde-Bergen 22. September 2012

Eine wahre Fee

Da erschien sie – wie immer – gleich einer Art Fee in ihrem doch recht exotisch anmutenden Solistenkleid, ihrer schwarz glänzenden üppigen Frisur und mit ihrem typischen breiten, immer ganz von Herzen kommenden Lächeln. Eliane Rodrigues. Pianistin erster Klasse, Weltklasse. Diesen Eindruck machte sie immer auf mich. Heute auch? Und ob!

Frédéric Chopin (1810–1849), Ballade Nr. 1 in g-Moll, Opus 23. Die Bilder einer wirklichen Ballade folgten einander: Unruhe, Traum, Tat, Beruhigung, Zweifel, Selbstüberzeugung, Meisterschaft, Freude, Verlust und Sieg. Imponierend, das war es! Noch beeindruckender und atemberaubender wurde das Prelude in g-Moll, Opus 23 Nr. 5, von Sergei Rachmaninow (1873–1943) gespielt. Obwohl... gespielt? Das ist nicht mehr das richtige Wort. Musik „spielen“, das ist ein Ausdruck, den wir gewohnt sind, aber häufig trifft er nicht zu. Hier ging es darum, die Musik zu übersetzen, zu erleben und eins mit ihr zu werden.

Der Fee, die bei Vollmond dem süßen Liebestraum eines schwebenden Pärchens und so manchem anderen in der freien Natur Form gibt. Diese Fee muss die Hand von Claude Debussy (1862–1918) gehalten haben, als er sein Claire de Lune komponierte. Diese Fee war auch im Saal – in der Person von Eliane Rodrigues. Leider konnte die Fee das Schicksal des zum Tode Verurteilten nicht ändern, dessen Geschichte Maurice Ravel (1875-1937) in seinem berühmten Gaspard de la nuit erzählt.

In Le Gibet hört man die Uhr in der Ferne, sie hält nicht an, die Zeit tickt. Dem beinahe Toten ist das bewusst, aber er verdrängt es und denkt über das nach, was kommt. Es hat etwas Märchenhaftes oder ist es mystisch? Direkt davor, in Ondine, leugnet er sein Schicksal, genießt die falsche Ruhe, obgleich er einen schrecklichen Albtraum hat. Scarbo – das sind wirklich die letzten Minuten – und dann … Tod. Unheimlich ist es, und dann auch wieder nicht. Rodrigues erlöst den Mann aus seinem Leiden. Stark.

Und dann? Dann ist das Werk der Pianistin selbst an der Reihe. Aus ihrer Serie von 16 Stücken „Momentos Musicais“ spielt sie Nummer 14 und 12: Espelho (Der Spiegel) und Miudinho (ein brasilianischer Tanz). Ob Sie wollen oder nicht, Sie hören, dass diese große Dame am Klavier etwas mit Chopin hat. Er ist anwesend, ohne zu dominieren oder ohne, dass sie ihre Eigenheit Chopin unterordnet. Zeitlose, harmonische Werke, Reich an Klang und Gefühl. Rodrigues kann ihre reiche Erlebenswelt nicht verstecken. Schön!

Nach der Pause dürfen wir bei der Rhapsodie Espagnole von Isaac Albeniz (1860–1909) mittanzen. Sie sehen die spanischen Tänzerinnen mit ihren breiten Röcken, ihren langen lose wehenden Haaren. Die Kastagnetten klappern zu den spanischen Rhythmen. Ein Kurzurlaub also. Und das ist gut so, denn nach diesem spanischen Ausflug wird es mehr als ernst: Die Appassionata von Ludwig Van Beethoven (1770–1827).

Wie soll man diese Interpretation umschreiben? Wie?? Wie??? Emotionen berühren uns tief im Bauch und wir fühlen einen Kloß im Hals. Die Edelfrau, die der gute Ludwig immer als die Seine betrachtete, sie erhält Form und wird während dieser Aufführung Eins mit ihm.

Natürlich ist die Öffentlichkeit sehr dankbar und noch dankbarer ist die Pianistin, die echte Fee. Sie legt noch zwei hübsche, kurze und vor allem fröhliche Zugaben obendrauf. Das ist mehr als ein Bravo wert …

Nach einiger Beratschlagung - in erster Linie mit mir selbst, beim Hören der Appassionata – bin ich sicher: Das ist nicht nur ein Gouden Label wert. Eliane Rodrigues hat so viel mehr auf ihrer Erfolgsliste stehen.

Schilde-Bergen 22. September 2012

Ludwig Van Mechelen – Klassiek Centraal