Sächziche Zeitung Dresden - Dippoldiswalde 10. Mai 2008

Schweres mühelos bewältigt

In der "Meisterinterpreten-Reihe" in Dippoldiswalde brillierte schon zum dritten Mal Eliane Rodrigues. Die brasilianische Pianistin, die mit ihrer Familie in Belgien lebt, versteht so grandios zu musizieren, dass sie nach ihren bisherigen zwei Auftritten in Dipps automatisch zu meiner "musikalischen Freundin" wurde. Diesmal spielte sie am Pfingstsonnabend ein Konzert mit Werken von Beethoven und Chopin. Und es stimmt einfach alles bei ihr: eine unfehlbare, bewundernswerte Technik, hohe Anschlagskultur. Das Wichtigste aber, das nur ganz Wenigen gegeben ist: Sie weiß der Seele eines jeden von ihr gespielten Stücks nachzuspüren, um es sodann ihren Zuhörern reflexartig zuzuspielen. Man erlebt somit ein jedes Werk von Neuem, es beglückt. 

So entstand mit Beethovens op.111, seiner letzten, nur zweisätzigen Klaviersonate ein faszinierendes Erlebnis. Schade, dass der Flügel in der Basslage einen matten, wenig gesanglichen Ton erzeugte. Lag es am zu nahen Vorhang oder an der Intonierung? Man sollte es ergründen.

Der bekannte Schauspieler Olaf Hörbe las, sprachlich großartig, aus Thomas Manns "Dr. Faustus".
Nach der Pause erklangen sechs Polonaisen von Frédéric Chopin, eine enorme Aufgabe für einen Virtuosen. Eliane Rodrigues verzauberte ihr Publikum mit der Interpretation dieser kontrastreichen Stücke: Die Polonaise-Fantasie mit gefühlsbedingten Freiheiten, teils verhalten, dann mit gewaltigen Steigerungen, die Grande Polonaise mit ihrem eleganten Andante, die cis-Moll-Polonaise mit ihrem innigen Mittelteil, die Militär-Polonaise, die gewaltig ausladende in fis-Moll und endlich die As-Dur-Polonaise, wegen ihrer rasanten Oktavgänge oft "Reiter-Polonaise" genannt. Schon beim Beethoven, erst recht nun beim Chopin musste ich diese so zarte linke Hand der Künstlerin bewundern, die bei diesen Stücken so unendlich
Schweres mühelos bewältigte. Bravo-Rufe, anhaltender Beifall, eine Zugabe.

Heinz Weber