Poetische Biographie

Eliane Rodrigues ist eine farbige Libelle aus dem fernen Süden. Mit ihren Flügeln erzeugt sie Musik, so glitzernd wie die brasilianische Sonne über Rio de Janeiro - ihrem Geburtsort. Aber sie glitzert nicht nur, sie glüht, sie bringt hartes und reines Licht. In ihrer zarten Gestalt verbirgt zich die geheimnisvolle Kraft, über die nur große Konzertpianisten verfügen: die verborgene Stärke der künstlerischen Einsamkeit und Verletzbarkeit, von der fast keiner weiß.

Wer Eliane Rodrigues "entdecken" will, hat eine faszinierende Aufgabe. Ihr Klavierspiel, aufwallend aus der Quelle eines verblüffend breiten Repertoires, weist viele Merkmale auf: es überträgt die tropische Hitze, aber auch die klare Kühle, melodische Erzählkunst neben entschiedenem Stakkato, virtuose Gewandtheit innerhalb einer strengen Partiturtreue, zerbrechliche Fingerspitzen, die plötzlich magisch gewalttätig sein können.

Rodrigues führt uns zur Passion sowie zur Mathematik und der klaren Architektur der Schönheit. Ihre Geschichte enthält außerdem die Mythologie unserer Zeit: Norden, Süden, Liebe, Unruhe, Geburt, Tod, die Klänge aus dem Jenseits, wo die von ihr gespielten Komponisten jetzt weilen.

Unter diesen begeisternden Merkmalen, die wir Rodrigues intuitiv zuerteilen und die wir bejubeln, muß ein harter Kern sein: der eigensinnige Wille eine ästhetische Kommunikation zu erreichen, die Substanz, aus der die Träume hergestellt sind, die harte schwere Arbeit, aus der alles, was wirklich sublim ist, geboren wird, das künstlerische Geheimnis. Im Konzertsaal ist eine Klaviersolistin immer märchenhaft hübsch, es stehen Blumen in ihrer Nähe, der Himmel ist nah. Die Zuhörer und Zuschauer erleben Stunden der Extase. Nicht immer sind sie sich darüber im klaren, daß hinter einer dergleichen musikalischen Leistung viel Hingabe, Intelligenz und Geistesarbeit stecken.

Aber bei Eliane Rodrigues scheint das Problem gar nicht zu existieren. Sie strahlt beim Spielen der technisch oder emotionell kompliziertesten Stücken nur Mühelosigkeit aus. Wenn Rodrigues ein Opus mit der von ihr bekannten Lebendigkeit in die Hände nimmt, vergißt der Zuhörer sämtliche technischen Besonderkeiten. Was er hört, ist die Libelle, die frei am ewig blauen Himmelszelt schwebt.

Frans Verleyen
Knack Magazine