Música Romântica 2014

Seit vielen Jahren bin ich nun Zuhörer bei den Konzerten des Música-Romântica-Festivals in Saas-Fee und habe versucht, die wichtigsten musikalischen Eindrücke herauszufiltern, die ein ganzes Jahr lang bis zum nächsten musikalischen Sommer im Gedächtnis bleiben - die künstlerischen Events, ohne die sich das Leben dieses unglaublich attraktiven Alpendorfs kaum mehr vorstellen lässt, das die fleißigen Hände vieler Generationen Schweizer Bürger gebaut haben.

Zuerst einmal will ich näher auf zwei musikalische Ereignisse im August 2014 eingehen - meiner Ansicht nach die Schlüssel-Ereignisse. Das erste ist Eliane Rodrigues‘ Aufführung des Andante Spianato et Grande Polonaise Brillante von Chopin im Kammermusikkonzert (11.08.2014). Ich habe dieses Stück vielleicht niemals so unvorhersehbar romantisch, so traurig und zugleich so stark und voller erstaunlicher Schönheit gehört. Eliane spielt immer auf eine sehr individuelle, sehr freie, sehr improvisierende Weise, aber diesmal klöppelte sie endlose Chopin'sche Spitze auf so überwältigende Weise, so exquisit und virtuos, dass sich die Zuhörer - und ich unter ihnen - in einer Art tiefer musikalischer Trance verloren.

Natürlich ist Eliane Rodrigues die Muse und Seele des Festivals, sein künstlerischer Mittelpunkt, aber sie ist auch eine ganz besonderer Generator - ein Generator ständiger kreativer Energie, die sie regelmäßig und großzügig mit ausführenden Künstlern und mit Zuhörern teilt. Eine Energie, die sie wahrscheinlich bereits in ihrer Kindheit unter der heißen Sonne an den Stränden der Copacabana getankt hat.

Ein anderes unvergessliches Ereignis war die Aufführung des St. Petersburg State Symphony Orchestra unter Leitung von Walter Proost mit Beethovens fünfter Sinfonie (Beethoven for Millions, 15.08.2014). Selten wird man solch eine ekstatische Begrüßung durch das Publikum gleich nach dem ersten Konzertteil erleben: Stehende Ovationen sind ja eigentlich das Vorrecht der letzten Minuten eines Konzerts. Walter Proost fand in den Musikern aus St. Petersburg wirklich kreative Kameraden. Ganz offensichtlich gefiel ihnen seine Interpretation dieser Sinfonie, der berühmtesten aller Beethoven-Sinfonien - stark, männlich, energisch, in Nuancen breit angelegt und farbenfroh. Sowohl bei den Proben als auch im Konzert folgte das Orchester dem Dirigenten mit offensichtlichem Vergnügen. An diesem abschließenden Festivalabend gab es noch eine großartige Darbietung des Klavierkonzerts Nr. 4 von Beethoven mit Eliane Rodrigues als Solistin, dem krönenden Abschluss von Música Romântica 2014.

Das St. Petersburg State Symphony Orchestra gastierte erstmals bei Música Romântica und das Debüt war ein voller Erfolg. Das Orchester zeigte sich von seiner besten Seite: üppig und vollblütig bei romantischer Musik, stilistisch fein abgestimmt bei klassischen Stücken, akkurat und versiert als Begleitorchester. Ich bin sicher, dass die intensive musikalische Arbeit in Zusammenarbeit mit bemerkenswerten Dirigenten und Solisten kombiniert mit ausgezeichneten Schweizer Käsen und Würsten, Bergwanderungen und der bestechend schönen Alpenlandschaft einen unvergesslichen Eindruck im Herzen dieser Gäste aus Russlands Hauptstadt des Nordens hinterlassen hat.

Dieses Jahr hat sich das Format des Festivals etwas geändert und das scheint ihm gutgetan zu haben. Es ist kompakter und prägnanter geworden; trotzdem steckt es noch stets voller strahlender musikalischer Eindrücke, die unvergesslich bleiben. Jedes Konzert zeichnete sich durch seine besondere Bezeichnung, originelle Programmidee und unvergleichliche Atmosphäre aus. Es muss gesagt werden, dass das Publikum absolut alle Konzerte mit großer Begeisterung aufnahm, was die Künstler und Produzenten zu neuen Höchstleistungen antrieb. Die freie Kommunikation zwischen Musikern und Zuhörern, die buchstäblich und im übertragenen Sinne fehlenden Barrieren zwischen ihnen, öffentliche Proben (die manchmal ein großes Publikum anlockten, das auf alles, was auf der Bühne geschah, reagierte), ein erstaunlich freundlicher Umgang in jeder Hinsicht - alles das wurde zu einer Art Visitenkarte von MR und trug viel zur Popularität dieses Festivals bei.

Nicht zum ersten Mal trat der Geiger Liviu Prunaru in Saas-Fee auf. Als großer Meister und feinfühliger, inspirierter Musiker machte er dem Publikum bei seinem Duett mit Eliane Rodrigues in Mendelssohns Konzert für Violine, Klavier und Streicher viel Freude (Romantica, 08.08.2014). Der Klang von Liviu Prunarus Stradivari und der großartige Fazioli-Flügel von Eliane Rodrigues füllten die Kirche in Saas-Fee - ganz im Einklang mit dem Titel des Konzerts - mit bezaubernden romantischen Melodien. Im ersten Teil des Programms war Werner Bärtschi der Solist in Beethovens c-Moll-Konzert Nr. 3. Der Zürcher Pianist spielte auf eine achtbare „deutsche" Weise, die jede zweideutige Interpretation verhinderte, und unterschied sich auffallend von der impulsiven und andachtsvollen Lesart von Mendelssohns Meisterwerk.

Besonders gut gefiel mir das Stück Seasons von Astor Piazzolla in einem ungewöhnlichen Arrangement für Klavier, Violine und Cello (Rendez-vous des musiciens, 10.08.2014). Eliane Rodrigues fühlte sich bei den feurigen lateinamerikanischen Rhythmen und Intonationen ganz zu Hause - aber gibt es eigentlich irgendwelche Werke in ihrem Repertoire, die sie freudlos spielt und bei denen sie sich nicht zu Hause fühlt? Ihre Partner, den aristokratischen und kultivierten Godfried Hoogeveen und den talentierten, künstlerischen Ning Kam, nahm sie mit auf eine emotionale Reise durch die Geschichte des Tangos. Offensichtlich experimentierte Eliane Rodrigues viel und ergänzte das Stück durch ihre frischen Komponistenfarben. Allgemein gesprochen erwies sich das Kammermusikkonzert als wirklich ereignisreich und vielfältig.

Das Mozartprogramm (Cosi fan tutte, 11.08.2014) war dieses Jahr dem Dirigenten Dirk Vermeulen anvertraut worden - eine erfolgreiche Wahl. Vermeulen ist ein in Europa wohlbekannter Spezialist für das klassische Orchesterrepertoire. Sein Mozart ist immer sehr lebhaft, ernsthaft, voll von energischer Leidenschaft, stilistisch bewährt und tadellos logisch. Die mitreißende und kraftvolle Haffner-Sinfonie in D-Dur (KV 385) glänzte in den hellsten Farben und das Klavierkonzert in A-Dur (KV 488), makellos gespielt von Eliane Rodrigues, wurde ganz offensichtlich der gefühlvolle lyrische Höhepunkt des gesamten Konzerts - eine „Blume zwischen zwei Abgründen" der besonderen Art: Mozarts C-Dur-Messe und Borodins Polowetzer Tänzen. Zu beiden Werken trug der Kammerchor Ex Tempore unter Leitung von Florian Heyerick bei - ein bemerkenswertes Ensemble, das wieder einmal höchste Klasse und Professionalität bewies. Nachdem das St. Petersburg State Symphony Orchestra Mozarts stilistische Herausforderungen und Schwierigkeiten fantastisch gemeistert hatte, lies es endlich bei den Polowetzer Tänzen all seiner schneidigen Vitalität freien Lauf. Die wilden Tänze der Horde, die die alten Rus mehrere Jahrhunderte lang plünderten, schien nicht nur die Wände der Pfarrkirche Saas-Fee zu erschüttern, sondern sogar die Alpengipfel selbst.

Die Walliser Hollywood Night (13.08.2014) verschafft uns die vielseitigsten musikalischen Eindrücke. Eliane Rodrigues leitete das Konzert als Dirigentin auf temperamentvolle und expressive Weise. Der wahrscheinlich faszinierendste Teil war die Bekanntschaft mit vier Fragmenten aus John Debneys Oratorium Die Passion Christi. In den letzten Jahren sind bei Konzertveranstaltungen weltweit häufig genreübergreifende Werke zu hören und Música Romântica hat sich diesem populären Trend nicht verschlossen. Eliane Rodrigues, der Ex-Tempore-Chor und das St. Petersburg State Symphony Orchestra rekonstruierten in vollem Einklang mit der Idee des Komponisten ein episches musikalisches Bild, eine Art biblisches Fresko, in dem archaische Motive und alte Sprachen (unter ihnen Aramäisch, die Sprache Christi) auf organische Weise mit den fortschrittlichsten Ausdrucksmitteln kombiniert wurden. Gleichfalls sehr beeindruckend waren in diesem Konzert Tschaikowskys meisterhafte Fantasie-Ouvertüre Romeo und Julia, Rodrigos berühmtes Adagio aus seinem Concierto de Aranjuez, bei dem anstelle einer Gitarre die von Aurelie Viegas gespielte Harfe das Soloinstrument war und sich als noch ausdrucksvoller als die ursprüngliche Orchestrierung erwies, und Stücke von Hollywood-Guru John Williams. Die Krönung der Nacht war ein verblüffend virtuoses Fragment aus dem Ballet Daphnis et Chloe von Ravel, mit dem das Orchester dem Wunsch des Publikums nach einer Zugabe nachkam.

Weniger leicht fällt mir die Besprechung des ersten Festivalprogramms (From Russia with Love, 06.08.2014), da ich unmittelbar darin eingebunden war. Doch ohne Zweifel ließ das Duo aus Eliane Rodrigues und Mikhail Druzhinin, dem hervorragenden Trompeter des Petersburger Orchesters, im Konzert des jungen Schostakowitsch die Zuhörer nicht unberührt. Virtuose Brillanz wechselte mit lyrischen Episoden und verlieh der Musik einen besonderen Charme. Das Orchester spielte Tschaikowskys Ouverture solennelle „1812" als letzten Programmpunkt mit unbestrittenem Können und Begeisterung. Das Publikum dankte es mit lange anhaltendem Beifall. Die vom allerersten Konzert des Festivals erzeugte festliche Atmosphäre hielt sich bis ganz zum Schluss.

Professor Yuri Serov, Konservatorium St. Petersburg