Karel Nijs

Eliane Rodrigues, Nina Smeets, Carlo Willems & Koen Wilmaers
Eliane Rodrigues, Tatiana Samouil & Justus Grimm

Genau vor 20 Jahren wurde in Saas-Fee das erste Música-Romântica-Festival organisiert und auch dieses Jahr wurde wieder für eine breite Palette attraktiver und herzerwärmender Musik gesorgt. Sechs Abendkonzerte mit bekannten Namen und Kassenmagneten sowie Partituren, die es mehr als wert sind, entdeckt zu werden. Diesen Sommer hatte das Festival zum Glück sonnigeres und trockeneres Wetter als voriges Jahr, was das Erlebnis von Urlaubstagen in den Alpen noch festlicher machte.

Beim ersten Konzert am Mittwoch, 8. August, hörte ich erstmals das Litauische Nationale Symphonieorchester Live, ein Ensemble, das vielleicht noch keine hohe internationale Namensbekanntheit genießt, aber Insider wissen, dass sein künstlerischer Ruf ganz ausgezeichnet ist. Recht haben sie. Eliane Rodrigues dirigierte zuerst die Streicher des Orchesters im spritzigen und lebenslustigen D-Dur-Divertimento von Wolfgang Amadeus Mozart. Was für eine Spielfreude und Klangkultur bei diesen Musikern! Schöne Abwechslung von hell und dunkel, italienisches Chiaroscuro, gedämpfte Kontraste, eine Mini-Oper ohne Worte. Vorgeschmack auf noch viel mehr Schönes.

In Mozarts Klavierkonzert Nr. 12 dirigierte Eliane das Orchester vom Klavier aus, was der Komponist-Pianist seinerzeit ebenfalls so machte. Nicht jeder ist in der Lage, diese beiden Rollen auf überzeugende Weise zu kombinieren. Eliane macht das bereits seit vielen Jahren mit außerordentlicher Flexibilität. Es ist ein perlendes Konzert voller unerwarteter Wendungen und vielen Stimmungswechseln. Es stimmt noch stets, was Mozart selbst über dieses Stück schrieb: „Mittelding zwischen zu schwer und zu leicht." Brillant, doch nicht „hohl" oder oberflächlich und sowohl die normalen Musikfreunde als auch die Kenner haben ihre Freude daran.

Vorab erzählte Eliane dem Publikum, welche persönliche Bedeutung dieses Konzert für sie hat, seit ihre Tochter Nina vor langer Zeit bei genau dieser Musik aus einem Koma erwachte. Ihre Interpretation an diesem Abend öffnete sich in engagierter Begeisterung, anmutiger konzertanter Konversation und einer breiten Palette pianistischer Raffinesse. Von stürmend fröhlich bis tiefsinnig lyrisch. Und immer wieder bei ihr diese Aufmerksamkeit für subtile Grautöne, Nuancen in der Palette von Ton, Dynamik und Farbe.

Nach der Pause folgte die 7. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Eine Dreiviertelstunde lang bietet sie ein Fest aus Energie, unerschöpflichen Ideen und vor allem tänzerischem Schwung und antreibender Rhythmik. Eliane Rodrigues entschied sich für einen ausgefeilten, geschmeidigen Ansatz, der sich weniger auf die spannungsreichen Kontraste und Effekte konzentrierte, an die wir uns durch die Interpretationen in der Tradition der historischen Ausführungspraxis gewöhnt haben. Ihr Schwerpunkt liegt eher auf der Grazie der verbindenden Linien, das Fließende eines antreibenden Legatos, die schöne Aufmerksamkeit für Seidenglanz, Schattierungen und „Noblesse" bis ins stürmische Finale. Ein perfekt vertretbarer Ansatz, vom Orchester konsequent und glänzend ausgeführt.

Im zweiten Konzert am Freitag, 10. August, präsentierte Modestas Pitrénas, Chefdirigent des litauischen Orchesters, ein sehr vielseitiges Repertoire aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Der berühmte Walzer „Rosen aus dem Süden" von Johann Strauss (Sohn) ist mehr als eine Melodie zum Mitsingen - zumindest, wenn man das orchestrale Vergnügen dieses Walzers so strahlen lässt, wie es sich gehört. Das tat das Orchester mit Hingabe.

Danach das kaum bekannte Cellokonzert von Erich Wolfgang Korngold aus dem Jahr 1946. Eine Offenbarung, ja wirklich! Eine kondensierte, intensive musikalische Zusammenfassung des Films „Trügerische Leidenschaft" (Originaltitel: „Deception"), für den Korngold zuvor die Musik geschrieben hatte. Der Cellist Justus Grimm spielte es zum ersten Mal: Die Leidenschaft eines Hollywood-Liebesdramas kondensiert zu einer packenden musikalischen Erzählung. Ein Solist mit großer Klasse. Außerdem fällt auf, wie intensiv die litauischen Orchestermusiker einander zuhören und zusammenspielen. Auch in der groß angelegten sinfonischen Dichtung „Die Toteninsel" von Sergei Rachmaninow. Eine Meditation über das Leben, das in den Tod übergeht. Dunkle Farben, langsames Auf und Ab, zwei sorgfältig aufgebaute Höhepunkte, die in Stille münden. Durchlebt.

Und schließlich Eliane Rodrigues als Solistin in Griegs berühmten Klavierkonzert. Ein Werk, von dem man denkt, es schon lange zu „kennen", das scheinbar „ausgelutscht" ist, wird hier jedoch so frisch gespielt, im Wechsel einmal stürmisch und dann wieder lyrisch zart, dass es klang, als sei es erst gestern komponiert worden. Ein Konzertabend, der nachklingt.

Mit viel kleinerer Besetzung und geringeren Mitteln wurde uns am Sonntag, 12. August, ein vergleichbares Gefühl vermittelt. Zuerst das exquisite 2. Klaviertrio Opus 100 von Franz Schubert. Das mit dem berühmten Andante con moto als zweitem Satz, dessen langsames Pulsieren für Gänsehaut sorgt. Rundherum der spritzige Schubert, ungestüm und scherzend - und auch süßsauer. In der Geigerin Tatiana Samouil und dem Cellisten Justus Grimm fand Eliane Rodrigues integre und feinsinnige Partner für Kammermusik auf höchstem Niveau. Die Spannkraft dieser Dreiviertelstunde Musik durchzuhalten erfordert Meisterschaft und intensives Verständnis. Konzentration und Hingabe. Und das rührt uns im tiefsten Inneren an. 
Nach der Pause spielte Eliane noch die Ballade von Claude Debussy eingebettet in eine überraschende Kombination aus Musik für Klavier, Schlaginstrumente und Kontrabass. Gemeinsam mit dem Kontrabassisten Gabriele Basilico präsentierte der musikalische Tausendsassa Alexander Ponet aus Flandern „Reflection", eine Eigenkomposition, auf dem Vibrafon - eigentlich eine Weltpremiere. Subtile Musik, scheinbar improvisierend, meditativ, mit klassischen Wendungen und zugleich jazzigen Einflüssen. Ein junges Talent, das wir uns merken sollten.

Ebenfalls originell war schließlich das berühmte Klavierkonzert von George Gershwin in einer bemerkenswerten, attraktiven Transkription für zwei Klaviere und Schlaginstrumente. Ein Fest für Eliane Rodrigues und Nina Smeets an den Flügeln. Die Perkussionisten Carlo Willems und Koen Wilmaers glänzten in der herrlichen Kombination mit der Klangwelt sehr unterschiedlicher Schlaginstrumente. Ihre kollektive Spielfreude wirkte ansteckend aufs Publikum, das als Zugabe eine Bearbeitung der spritzigen Ouvertüre zu „Candide" von Leonard Bernstein erhielt. 
Ein facettenreicher Abend mit acht Musikern, ein unvergessliches Kammermusikkonzert. Originell und mit Schwung. Typisch Música Romântica.

Karel Nijs - 30 Jahre Klara