Eliane in Rio de Janeiro - April 2009

Sehr geehrter Luis Paulo,

ich schreibe noch immer unter dem Eindruck von Eliane Rodrigues‘ Konzert von vorgestern. Es war absolut außergewöhnlich. So etwas hat Brasilien seit Jahren nicht mehr gehört. Die Musikalität dieser jungen Frau - manchmal sogar mit einer ganz persönlichen Auffassung mancher Werke - übertrifft alles, was ich mit Worten ausdrücken könnte.

Sie ist zweifellos (und bei Weitem) die großartigste brasilianische Pianistin. Ich behaupte das mit großem Vertrauen und in aller Seelenruhe. Ich wusste nichts von ihr, denn als sie bei Estrella studierte, lebte ich in Europa. Vom Hörensagen wusste ich nur, dass sie tatsächlich ein musikalisches Wunder im Alter Cocarellis war. Sie gewann übrigens bei einer Veranstaltung, in der Cocarelli den zweiten Platz belegte.

Meine Mutter konnte sich nie damit abfinden, dass Eliane nie mehr nach Brasilien zurückkehrte. Zu ihren Ehren lud ich sie dieses Jahr zu unserer Pianissimo-Serie ein. Ich wusste, dass sie gut war, weil Estrella ständig behauptete, sie sei bei Weitem das größte Talent, das durch seine Hände gegangen sei - und das waren zahllose...

Luis Paulo, ich habe mein Leben in der Nähe der größten Pianisten der Welt verbracht und damit, ihnen zuzuhören. Ich weiß eine Menge über „das Klavier"; (bitte entschuldigen Sie meinen Mangel an Bescheidenheit, aber in meinem Alter habe ich das Recht für solche Beteuerungen) vorgestern, in dem voll besetzten Saal war Eliane Rodrigues eine Offenbarung, die das Publikum in Ekstase versetzte. Und das mit einem der schwierigeren Programme. Ich hörte von Freunden von A. Brendel, dass er überwältigt und begeistert gewesen sei, als er die 111 von Eliane hörte. Er konnte gar nicht begreifen, dass eine junge Brasilianerin solch eine fantastische Interpretation dieses pianistischen Monuments darbieten konnte.

Eliane Rodrigues ist auf demselben Niveau wie Alicia, Maria João oder Guiomar Novais. Ich hasse Vergleiche, weil doch jeder seine eigene Persönlichkeit besitzt. Wir müssen für sie kämpfen, damit sie den Platz bekommt, den ihr Talent verdient. Ich verfolge damit keinerlei persönliche Interessen, abgesehen von einer Frage der Fairness und aus Stolz, den ich als Brasilianer in dem Wissen verspüre, dass dieses Land eine Künstlerin dieses Kalibers hervorgebracht hat.

Ich glaube, dass ich aus Liebe zur Musik die Pflicht habe, nichts unversucht zu lassen, dass Eliane Rodrigues den Platz in Brasilien einnimmt, den sie verdient. Ich werde in dieser Hinsicht nicht nachlassen.
Ich rate Ihnen unbedingt, ja nicht zu versäumen, sie bei erster Gelegenheit zu hören.

Elianes Repertoire umfasst 65 Konzerte. Ihr 4. Klavierkonzert von Beethoven ist als außergewöhnlich anerkannt. Ich rate Ihnen, für nächstes Jahr ernsthaft über sie nachzudenken.

Mit besten Grüßen
Myrian Dauelsberg
Presidente
Dell'Arte Soluções Culturais
Rio de Janeiro
www.dellarte.com.br