Anne-Marie Segers

Música Romântica 2010 - Nachlese

ALLA RICERCA DEL TANGO PERDUTO
Musik als Gedächtnisstütze und Monument

Einheit ohne Vielfalt stumpft ab; Vielheit ohne Einheit wirkt spaltend.
Die Einheit in der Vielheit zu erkennen, ist eine Grundkomponent der Kreativität.
 

Diesen Sommer fand in Saas-Fee die Weltpremiere zweier Arrangements von Jorge A. Bosso statt. Er bearbeitete die Violinsonate von Claude Debussy für Symphonieorchester, ebenso die Violinsonate von Maurice Ravel. Dabei interpretierte Dora Schwarzberg das Violinsolo auf meisterhafte Weise.

Jorge A. Bosso wurde in Buenos Aires geboren, zog aber vor zwanzig Jahren nach Italien um. Als Cellist studierte er bei Paola Szabo und arbeitete mit dem Chandor Quartet. Aber sonst mache ich nicht viel in Italien, vertraut er mir auf einer Festivalterrasse in Saas-Fee an. Und übrigens auch nicht in Argentinien. Dahin reise ich nur noch sehr selten. Mich zieht es vor allem häufig nach Russland.

Eliane Rodrigues und Ernest Smeets begegnete er vor zwei Jahren auf einem Festival in Norwegen in Gesellschaft von Dora Schwarzberg. Musiker von Weltformat lassen sich nicht auf ein oder zwei Kontinente beschränken. Und jetzt sitzen wir hier zusammen, lächelt Jorge A. Bosso. Ich freue mich ganz besonders über diese Einladung, denn es handelt sich um ein besonderes Festival an einem besonderen Ort. Und ich bin sehr von der Persönlichkeit von Eliane Rodrigues beeindruckt.

Jorge A. Bosso beschäftigt sich bereits seit geraumer Zeit mit den Ikonen des Repertoires, wie er sie selbst bezeichnet: Johann Sebastian Bach, Strauss und vielen anderen. Diese Beschäftigung mit diesen Ikonen lässt er in seinen Arrangements spüren. "Arrangements sind oftmals enorme Fusionen aus Stilen und Cross-overs. Das Ergebnis ist mal gelungen und mal weniger - vor allem, weil häufig nicht wirklich eine große Idee dahintersteht. Aber wenn Sie die Schönheit der Musik auf sich wirken lassen wollen, dann erkennen Sie dahinter plötzlich eine Menge Dinge. Die Berechtigung all dieser Überlieferungen wird sich im Laufe der Zeit erweisen."

Mit seinen Arrangements von Werken der Musiktitanen will er diesen Komponisten ein Monument errichten. Denn wer Musik schreibt, hat die Ewigkeit vor Augen. Aber um diese Musik auch heute begreiflich und der neuen Generation zugänglich zu machen, kann ein Arrangement uns gelegentlich helfen.

Der Begriff Monument kommt vom lateinischen 'monere': Das bedeutet so viel wie aufrufen, erinnern, ehren und feiern. Mit solch einem Monument bauen wir also an einer gemeinsamen Geschichte. Denn wir haben unsere Verpflichtungen gegenüber der Vergangenheit, doch ab und zu müssen wir für die Zukunft auch Kompromisse schließen.

"Sehen Sie sich nur Johann Josef Imseng an" (6. Juni 1806 Saas-Fee - 5. Juli 1869 Saas Almagell)! Er war hier Priester und Alpinist. Auf dem Dorfplatz vor der Kirche steht sein Denkmal. "The big idea that this person had of creating!" ruft Bosso aus. Er war ein Pionier des aufblühenden Tourismus und stimulierte ihn zu hundert Prozent. Er bot den ersten Touristen eine Unterkunft in seinem Pfarrhaus, organisierte Bergtouren und setzte sich für den Bau von Hotels ein. 1849 soll Imseng Holzbretter unter seine Füße gebunden haben und so nach Saas Grund „geflogen" sein. Damit hatte er die erste Skitour in der ganzen Umgebung unternommen...

"Auf unserer Suche nach der bestmöglichen Weise, die große klassische Musik so integer wie möglich weiterzugeben, bilden Arrangements also ein hervorragendes „Transportmittel". Und um diesem Transportmittel adäquat Form zu geben, müssen wir uns von verschiedenen Inspirationsquellen anregen lassen: dem visionären Geist von Johann Josef Imseng, aber auch von der Literatur des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen, den alten Griechen oder den Minnesängern..."

"Aber wie die Vögel am Vierten Tage für die Menschen geschaffen wurden, so wurden auch die Klänge für die Wörter geschaffen. Die Parabel des Turmbaus zu Babel lehrt uns, dass der Mensch durch die Wörter gestraft wurde, aber nicht durch die Klänge. Sie sind Teil einer metaphysischen Ordnung und gehören uns eigentlich nicht. Durch diesen intrinsischen Wert helfen sie uns auch, dem Himmel näher zu kommen..."

Jorge A. Bosso schweigt kurz und nimmt einen Schluck aus seinem Glas. Saas-Fee ist zu dieser Mittagsstunde am schönsten. Die Sonne streichelt die Bergflanken so liebevoll, dass es den Augen beinahe weh tut. Ein paar Tische weiter sind Eliane Rodrigues und Dora Schwarzberg in ein intensives Gespräch vertieft, zwei Paradiesvögel. Nach dem Gespräch merke ich erst, wie sehr Jorge A. Bosso auch äußerlich den einstigen Minnesängern gleicht. Und wie seine auffallenden Augen noch viel mehr schöne Musik versprechen...

Anne-Marie Segers